We Climb – Klettern für mehr Zusammenhalt und Inklusion

inklusives Klettern

We Climb – Klettern für mehr Zusammenhalt und Inklusion

Anfang 2020 war es soweit, ich durfte das erste Mal in meinem Leben klettern. Da ich eigentlich schon größten Respekt davor habe, auf eine stinknormale Haushaltsleiter zu steigen, war das eine ganz besondere Herausforderung für mich. Bouldern kannte ich ja schon, aber in die Höhe? Ich dachte mir, bei so einer Truppe voller Kletterenthusiast*innen kann ich das ganz stressfrei mit Rücksicht auf meine Bedürfnisse, Ängste und sonstige Befindlichkeiten (zum Beispiel totale Erschöpfung) ausprobieren, und habe mich ohne viel Nachdenken dafür entschieden.

Wie es mir ergangen ist und wer eigentlich hinter der WeClimb-Initiative steht, erfährst du im folgenden Beitrag.

Kletterer hängt in der Wand
Erste Kletterversuche beim Bouldern ohne Seil

Klettern und Inklusion

Der Verein WeClimb wurde von Kletterenthusiast*innen gegründet mit dem Ziel, ihren Sport mit sozialem Engagement zu verbinden. Ihr Ziel ist es, Menschen, die mit diversen Barrieren im Leben konfrontiert sind, die Freude am Klettersport zu vermitteln. Es ist ihnen mit diesem Projekt tatsächlich gelungen, einen Raum zu schaffen, um Menschen verschiedensten sozialen und kulturellen Ursprungs zusammenzubringen. Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass der Text auf der Startseite der Website stimmt: Gemeinsame Erfolge und Misserfolge erleben, Freude und Schmerz teilen, nach Rückschlägen sich gegenseitig motivieren und es noch mal probieren. Genauso hab ich das tatsächlich erlebt. Ich selbst bin ehrenamtlich bei VOI fesch tätig und gemeinsam mit weiteren Teammitgliedern sowie den Vereinen Ich bin aktiv und Miteinander am Berg konnten wir uns gemeinsam der Herausforderung „Kletterwand“ stellen.

We climb Together

Vor dem Klettern muss wie bei jeder anderen Sportart erst mal aufgewärmt werden. Jeder überlegt sich eine Übung, die dann alle nachmachen. Das ist die inklusive Art des Vorturnens, denn jeder kommt einmal dran. Will jemanden auf die Schnelle partout nix einfallen, kommt schnelle Unterstützung von allen Seiten mit Übungsvorschlägen. Ein Blackout kann schließlich jedem mal passieren. Anstrengende Übungen (vor allem die auf dem Boden) wurden mit einem kollektiven Murren bedacht. Ganz wichtig beim Klettern, das kannte ich von meinen bisherigen Sportkursen nicht: die Finger und Hände aufwärmen nicht vergessen! Aber die erfahrenen Kletter*innen erinnern daran!

Der ganze Körper muss aufgewärmt werden. Sieht anstrengend aus? Ist auch so.
Höchste Konzentration beim Aufwärmen der Finger und Hände

Eigene Barrieren abbauen

Da einige Anfänger*innen dabei waren, musste beim ersten Termin erstmal Grundlegendes geklärt werden. Wie lege ich den Gurt an? Ja, auch das kann eine Herausforderung sein. Ganz wichtig: der gegenseitige Sicherheitscheck vor dem Klettern. Der muss jedes Mal gemacht werden, bevor es aufwärts geht.

Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass alle schlanker sind als ich. Ja, es hat mich beunruhigt, aber nicht so schlimm, dass ich der neuen Erfahrung keine Chance gegeben hätte. Bei meinen bisherigen Sportkursen habe ich immer das Feedback bekommen, du bist nicht schlank, bewegst dich aber wie jemand der schlank ist. Daran habe ich gedacht, und Vertrauen in mich selbst geschöpft. Auch übergewichtige Menschen können und sollen klettern, allerdings sollte man offen damit umgehen und das Thema ansprechen, vor allem wenn es um das gegenseitige Sichern geht.

Kletter*innen sind oft sehr schlanke, leichtgewichtige Menschen, die dann beim Sichern auch mal Unterstützung brauchen. Vor allem bei den Mädels kann der Gewichtsunterschied doch sehr groß sein. Ich habe dann einfach vor Bildung einer Seilschaft (siehe Infobox) gefragt, ob das eh geht, eben wegen des Gewichtsunterschieds. Jedes Gruppenmitglied muss sich auf die anderen verlassen können und umgekehrt. So wie wir uns beim Sichern auf den anderen verlassen müssen. Bei den Herren war das Problem beim Gewichtsunterschied nicht so groß. Auch ich als große Verfechterin der Gleichberechtigung muss sagen, Körperbau und Muskelkraft ist einfach unterschiedlich bei den Geschlechtern.

Was ist eine Seilschaft?
Das ist eine Gruppe von Bergsteiger*innen oder Kletternden, die durch ein Seil verbunden sind. Sie müssen gut einander Vertrauen.

Gegenseitiger Sicherheitscheck beim Gurtanlegen
Mina zeigt Jenni wie man den Sicherheitsknoten richtig anlegt

Aller Anfang ist hoch

In unserer Gruppe waren einige schon sehr gute und erfahrene Kletter*innen und, wie auch ich, einige Anfänger*innen dabei. Beim Bilden der Seilschaften wurde das natürlich berücksichtigt. Ich wurde von Mati, einem Flüchtling aus Afghanistan „betreut“. Mati konnte schon sehr gut klettern und schaffte beim letzten unserer sechs Termine sogar schon die schwersten Routen auf der Kletterwand. Also konnte ich mich erst mal sicher fühlen. Mein erster Gedanke war aber dennoch: oh mein Gott, ist der dünn. Mati hat es dennoch geschafft mich zu sichern.

Die erste Herausforderung, als ich das erste Mal in der Wand hing: mich in den Gurt fallen zu lassen. Als Mensch mit leichter Höhenangst nicht so leicht. Wir haben das daher erst mal in geringer Höhe geübt. Das hilft, Vertrauen in sich selbst und seiner*m Partner*in zu gewinnen. Es war dann auch sehr schnell kein Problem mehr, mich einfach hängen zu lassen. Das habe ich auch sehr an den Ich bin aktiv Teilnehmer*innen bewundert – wenn sie nicht mehr wollten, sind die einfach an der Wand gehangen und haben gechillt. Während ich mich gestresst habe, endlich wieder zu Kräften zu kommen und weiter zu klettern. Beneidenswert, da waren sie sich selbst und ihren Bedürfnissen viel näher, als ich es war.

Kletterin besteigt die Kletterwand
Gut gesichert erklimmt Andrea die Kletterwand

Zwischen Vertrauen und Höhenangst

Beim Klettern ist die Beinarbeit wichtig, die tragen das Körpergewicht leichter. Es ist schwerer sich mit den Armen nach oben zu ziehen als sich mit den Beinen nach oben zu hieven. Das musste ich erst mal lernen. Ich habe richtig gespürt, meine Energie ist jetzt verbraucht. Aber kein Problem, in den Pausen ist auch mal Zeit für Theoriestunden. Wie heißen die verschiedenen Griffe? Es hat sich ergeben, dass Mina mir das Sichern beigebracht hat. Es hat schon ein bisschen gedauert, bis ich mir selbst diese Verantwortung zugetraut habe. Auch bis mein*e Partner*in Vertrauen in mich hatte. Da hängt eine*r meterhoch in einer Wand, und wenn ich einen Fehler mache, kann es zu mehr oder minder schweren Verletzungen kommen. Deswegen habe ich bei den ersten Malen nur unter Aufsicht der erfahrenen Kletter*innen gesichert. Und vorher natürlich zugeschaut und in geringer Höhe mit meiner*m Partner*in geübt. Das schafft Vertrauen.

Klettern für mehr Inklusion

Ich fand es insgesamt sehr schön zu sehen, wie egal es den Leuten beim Klettern war, woher wer kommt oder welche Behinderung wer hat. Natürlich wurde auf körperliche Einschränkungen Rücksicht genommen, wer nicht (mehr) weiterkonnte und/oder eine Route einfach nicht möglich war, hat man eine Pause gemacht, für diesen Termin einfach nur mehr zugeschaut und es für das nächste Mal aufgehoben. Keiner hat wertend auf den anderen geblickt. Und deswegen war ich auch sehr entspannt nach dem ersten Termin. Niemand hat andere Teilnehmer*innen bewertet – weder Behinderungen noch die Herkunft waren ein Thema.

Gruppenfoto des WeClimb-Workshop
Glückliche Teilnehmer*innen am Ende des Kurses, Fotocredits: Jérôme Colson

Frau muss sich nur trauen

Abschließend kann ich nur sagen, tolles Projekt, gerne wieder! Eine lustige, entspannte Art, eine neue Sportart, neue Menschen, andere Sichtweisen kennenzulernen. Wir alle können nur darauf hoffen, dass es noch viele solcher Ideen gibt, und Menschen, die sie mittragen. Alleine können die wenigsten von uns große Änderungen bewirken, aber mit der Unterstützung von Projekten wie WeClimb kann jede*r von uns einen kleinen Beitrag leisten. WeClimb hat mittlerweile ihre Tätigkeiten beendet, aber dafür gibt es mittlerweile von der österreichischen Alpenvereinsjugend ein neues Projekt im Klettersport – ist sicherlich ebenso wertvoll und empfehlenswert.

Und für alle Kletterenthusiast*innen gibt es auch noch bei VOi fesch neue Produkte im Sortiment. Kunst, Klettern und Inklusion – ja die Kombination macht einfach Freude.

hier Schreibt

Andrea Porträtbild

Andrea

Wir wollen Änderungen anstoßen, die hoffentlich immer größere Kreise ziehen. Es ist ein erster kleiner Schritt in Richtung echter Inklusion, wobei mir bewusst ist, dass es bis dahin noch sehr, sehr weit ist.

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